Die Magie der Schrift

7. August 2009
von Robert Bozic

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind ein summerischer Bauer vor rund 6000 Jahren, zu Hause irgendwo am südlichen Zipfel Mesopotamiens. Sie haben ein Problem, zugegeben, es ist nicht Ihr einziges oder größtes Problem, aber es ist doch etwas ärgerlich.

Illustration einer Frau in 2 Varianten - eine detailiert eine stark vereinfacht

In regelmäßigen Abständen machen Sie sich auf den Weg nach Uruk, der größten und eigentlich der ersten und einzigen Stadt überhaupt, um Ihr erwirtschaftetes Gut an den Mann zu bringen. In der Stadt herrscht ein heilloses Durcheinander, unzählige Menschen und Tiere tummeln sich in der Metropole am Euphrat. Hier bekommen Sie alles, was sich Ihr archaisches Herz nur wünschen kann. Natürlich auf dem Markt, wo sonst.

Und da ist auch schon Ihr kleines aber ärgerliches Problem: Sie können nicht lesen, dumme Sache. Wären Sie nur ein paar hundert Jahre früher geboren worden, hätte Ihnen das wohl nicht solche Schwierigkeiten bereitet. Damals war es noch einfacher den Ideogrammen und Piktogrammen, den so genannten Bildschriften, zu folgen. Eine Kuh sah gezeichnet auch aus wie eine Kuh und ein Berggipfel wie ein Berggipfel, ein Fisch wie … naja usw.

Je ein Beispiel eines Piktograms, eines Ideograms und der Keilschrift

Aber jetzt ist alles anders, da steht ein Bürokrat und notiert jede noch so kleine geschäftliche Transaktion, schon damals gab es Steuern und die Herrscher wurden immer kreativer im Schröpfen Ihrer Bürger. Dank der Schrift war es nun möglich genau herauszufinden, wer, wann, wie viel und von wem gekauft, verkauft oder sonst etwas getrieben hat.

Der Staat hatte nun also alles genau im Auge und da die Bevölkerung immer weiter zunahm und die Stadt wuchs und wuchs, waren die Geschäfte immer zahlreicher geworden. Um also Zeit zu sparen, wurde die Schrift effizienter, ein verkaufter Stier war jetzt kein Stier, sondern ein Dreieck, waren es mehr als einer kamen noch ein paar Zählstriche hinzu. Es ist jetzt also für Sie einfach nicht mehr nachvollziehbar, was dieser Kerl da eigentlich so wild herumkritzelt (oder besser ritzt, oder eigentlich mit einem kleinen Keil in eine Tontafel hineinquetscht ... nicht so wichtig).

Illustration einer alten Landkarte

Und es wurde noch besser: inzwischen erfreute sich diese neue Form der Kommunikation unter den Behörden des Zweistromlandes äußerster Beliebtheit und es deutete alles darauf hin, dass dieser Trend noch weiter zunehmen würde, angeblich haben sogar schon die Syrer und Hethiter ihr Interesse an dieser neuen Erfindung bekundet.

Tja, es ist wohl an der Zeit, Lesen und Schreiben (oder Quetschen) zu lernen, schließlich will man ja nicht ins Hintertreffen geraten - eines Tages kommt so ein komischer Herrscher vielleicht noch auf die Idee und quetscht seine Gesetze in eine Tafel, dann muss sich jeder daran halten.

Dumm nur, wenn man nicht weiß, woran man sich da eigentlich genau halten soll! Hm, man muss es sich aber auch nicht unnötig schwer machen.

Ägyptische Stele

Wieso sich mit dieser abstrakten, fantasielosen Keilschrift herumschlagen, wenn nur ein paar tausend Kilometer weiter westlich eine viel schrillere Version praktiziert wird?

Wow, die Hieroglyphen, tolle Sachen machen die alten Ägypter da, hier ist eine Sonne ja tatsächlich noch als solche zu erkennen, und es gibt da noch viel Außergewöhnlicheres zu sehen: Schlangen, Vögel, Federn, Augen, Wellen usw. Doch bei genauerer Betrachtung stellt sich bald heraus, dass diese Hieroglyphen, so naturgetreu sie auch sein mögen, dennoch einem überaus komplexen Schema unterliegen.

So einfach ist es wohl dann doch nicht, naja immerhin hat ja ein Gott der Weisheit die Hieroglyphen der Ägypter erfunden, dieses aus Phonogrammen, Determinativen und Ideogrammen zusammengesetzte Schriftsystem umfasst bis zu 7000 (!) Zeichen. Puh, das ist zuviel, so schön bunt sie auch sein mag, praktisch ist diese Schrift leider nicht. Obwohl, eine Schreibschrift haben die Ägypter ja auch erfunden...

Auge

Ah, wie einfach waren da die Zeiten, als die Menschen noch von der Jagd und vom Früchtesammeln lebten, damals gab es ja noch die sogenannte „mündliche Überlieferung“, zugegeben nicht sehr genau, hätten wir damals schon die Schrift gekannt gäbe es wohl nicht ein Dutzend verschiedener Versionen der Sintflut.

Obwohl, genau genommen waren die Menschen die Seinerzeit in magischen Ritualen (wahrscheinlich unterstützt von halluzinogenen Pflanzen) diese Felsritzungen und Malereien anfertigten sehr wohl auch mit einem einfachen symbolisch-abstraktem Zählsystem bekannt. Wohl um die Jahre zu zählen, bis diese verdammte Eiszeit endlich vorüber war.

Höhlenmalerei, Lascaux

Was ist eigentlich mit den Chinesen? Deren Schriftsystem wird in einer fast ursprünglichen Form noch 2000 Jahre nach Christus verwendet werden.

China ist riesig und die chinesische Sprache kennt viele verschiedene Akzente, so viele, dass zwei Chinesen aus unterschiedlichen Regionen sich verbal kaum verständigen können. Das wohl größte Problem ist dabei, dass in der chinesischen Sprache gleich klingende Worte durch unterschiedliche Tonhöhen eine ganz andere Bedeutung bekommen: „Shu“ kann je nach Tonlage „Waffe“, „Onkel“, „Gemüse“, „Ratte“, „Privatschule“, „Hitze“ oder „Zentrum“ heißen. Man kann sich also das Potential eines Missverständnisses ausmalen, das so eine Sprache bietet, wenn sie Ihren Onkel fälschlicherweise als Gemüse bezeichnen.

Umso verständlicher, dass die Chinesen sich bereits sehr früh um ein gut funktionierendes und allgemeingültiges Schriftsystem kümmerten, mit inzwischen 5000 Zeichen ist dieses aber alles andere als ein Leichtgewicht.

Entwicklung chinesischer Zeichen

Endlich, wir schreiben das Jahr 1700 v. Chr., und irgendein kluger Kopf hat doch tatsächlich das Alphabet erfunden. Die Phönizier sind es, die aus einer cleveren Kombination bereits bestehender Schriftsysteme das wohl bis dato praktikabelste zusammengeschustert haben.

Mit 22 verschiedenen Wortlauten entsteht hier der Vorläufer des griechisch-lateinischen Alphabets, in seiner heutigen Form ist sogar immer noch das Ideogramm erkennbar, es wird etwa wieder der Stierkopf (Griechisch: Stier = Alef) bemüht, um den Buchstaben „A“ zu bilden – er wird also einfach auf den Kopf gestellt.

"Siter" zu "A"

Tja mein verehrter summerischer Bauer, obwohl wir hier bereits große Schritte gewagt haben, sind es dennoch nur die ersten paar Jahrtausende seit Erfindung der Schrift. Denn es kommt noch einiges auf Sie zu, nicht zuletzt die Erfindung des Buchdrucks, die ohne Übertreibung eine Befreiung des menschlichen Geistes mit sich brachte. Sie sehen also, dass das, was damals so harmlos in einer vergessenen Höhle begann, große Wellen geschlagen hat und weiter schlagen wird. Der Magie der Schrift können Sie sich nicht mehr entziehen.

Moderne Symbole und Logos

"Die Magie der Schrift",
Teil 1 der Reihe: Grafik Design in der Geschichte

Generelle Anmerkungen zum vorliegenden Text: Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass hier Jahrtausende der Menschheitsgeschichte keinerlei Erwähnung finden und einige der wichtigsten Hochkulturen einfach links liegen gelassen wurden. Die historische Karte umfasst 5000 Jahre Entwicklung und im Artikel werden die einzelnen Regionen der Welt nur sehr grob zusammengefasst.

Dies ist dem Verfasser durchaus bewusst. Der Grund hierfür liegt in der Kurzweiligkeit des transportierenden Mediums. Außerdem dient der Text dazu, Menschen ohne besondere Kenntnis der Geschichte oder einem tiefergehenden Wissen zum Thema Typographie, einen generellen Überblick zu geben und vielleicht Neugier zu wecken.

Danksagung: Der Verfasser bedankt sich bei Hemma C. Brandstetter für ihre Aufmerksamkeit und unendliche Geduld, bei Kareen M. Schmid für ihre fachlich-kompetente Unterstützung und bei Bojan Bozic für seine guten Worte.

Quellen:

  • Atlas der Weltgeschichte, Dumont
  • Das Alte Ägypten, Hermann A. Schlögl, Beck
  • Der Mensch und seine Symbole, Carl G. Jung, Walter
  • Die Geschichte der Kunst, E. H. Gombrich, Phaidon
  • Geschichte der Religiösen Ideen, Mircea Eliade, Herder
  • Geschichte der Typographie, Hans-Jürgen Wolf, Historia
  • Mesopotamien, Barthel Hrouda, C.H.Beck
  • Philosophie des Abendlandes, Bertrand Russell, Piper
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