Induktion

3. Mai 2010
von Robert Bozic

„Singe, Göttin, den Zorn des Peleussohnes Achilleus den Verderben bringenden, der unzählige Schmerzen den Achaiern bereitete, und viele Seelen von starken Helden dem Hades vorwarf, sie selbst aber zur Beute den Hunden und allen Vögeln machte; und so erfüllte sich der Ratschluss des Zeus, von dem an zuerst sich streitend beide entzweiten, der Atreide – der Herr der Männer – und der göttliche Achilleus.“

Zwei Töpfe

Dies sind die ersten Zeilen von Homers Epos der „Ilias“. Ich habe diesen Anfang für den 4. Teil meiner Reihe „Geschichte des Grafik Designs“ gewählt, um Ihnen den Begriff der Induktion näher zu bringen. Ich fand das Konzept der alten Griechen und ihrer Götterwelt immer schon besonders faszinierend. Wir können uns heute sehr gut vorstellen, was sich die Griechen dabei gedacht hatten als sie ihre Emotionen außerhalb ihres Körpers zu projizieren suchten und in farbenfrohen Geschichten verpackten.

Natürlich würde es auch uns leichter fallen, unsere Taten auf ein höheres Wesen zurückzuführen. Wir bräuchten nie wieder ein schlechtes Gewissen zu haben, denn schließlich wären wir für unsere Taten nicht mehr verantwortlich. Dieser uralte Gedanke ist uns auch heute nicht fremd, wenn sich Menschen in Autos oder Flugzeugen in die Luft sprengen und es „Gottes Wille“ nennen wandelt sich diese verklärte Romantik in bittere Realität.

Säule

Und was hat das Ganze jetzt eigentlich mit Grafik Design zu tun?

Nun, das ist relativ schnell erklärt. Grafik Design ist üblicherweise ein monosensorisches Medium, wir nehmen die Informationen mit unseren Augen wahr und interpretieren sie mit unserem kulturell bedingten Background. Der Beruf des Designers erfordert von ihm also nicht nur das technische Vermögen, sondern auch ein Wissen um die Anforderungen der modernen Gesellschaft, und ein Verständnis für die Funktionen der menschlichen Psyche.

In diesem Sinne verwendet der Designer auch den Leerraum, als bewusst geführtes Werkzeug fließt dieser in seine Kommunikationsarbeit mit ein. Wenn Sie Erfahrung mit Designern haben, werden Sie sich vielleicht einmal gefragt haben: „Wieso dieser Leerraum? Kann man den nicht auch mit zusätzlichen Informationen füllen? Wozu Geld verschwenden, für eine scheinbar nicht genutzte Arbeitsfläche?“. Meine Antwort als Designer lautet 'Induktion'. Wir nutzen das kreative Potenzial der menschlichen Psyche, um eine besondere Art von Spannung im Betrachter zu erzeugen, die mit kaum einem anderen Medium zu schaffen ist.

Zierleiste

Beginnen wir von vorne: Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner da ist, um das Geräusch zu hören, ist denn da überhaupt ein Geräusch oder ein Baum? Ein altes Rätsel, deren Lösung den Philosophen von einst zu einem spaßigen Zeitvertreib wurde. Heute wissen wir natürlich, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind, nicht mal unseres Sonnensystems und auch nicht unseres Planeten. Wir wissen, dass die Natur nicht unbegrenzt ausgebeutet werden kann und unsere Ethik schließt nun auch die Tierwelt mit ein, was zu Homers Zeiten kaum vorstellbar war.

Aber wieso füllen wir unsere Köpfe eigentlich mit Fragen wie diesen? Scheinbar unlösbare Rätsel, die trotz unserer Logik immer noch Zweifel übrig lassen, einen weißen fleck, einen Leerraum?

Die Antwort auf diese Frage könnte man mit der Induktion beantworten, wir denken uns also einen Sinn in die Weißräume unseres Lebens. Wir füllen die Dinge unsers Lebens, die wir nicht verstehen können mit Aberglauben aus, Kobolde, Geister, Götter usw.

Das Universum wird zu einer Wunschmaschine und wenn sich die Kinder das ganze Jahr über gut benehmen, kommt dann letztlich der Weihnachtsmann, der sie mit Geschenken belohnt.

Venus

Mythen führen zu Regelwissen und dieses in religiöse Praktiken. Diese geben uns dann ein Gefühl des Schutzes und der Kontrolle in einer scheinbar bedrohlichen, unerklärlichen und unzähmbaren Welt.

Als Kind hatte ich mir immer vorgestellt, dass die Welt verschwinden würde, wenn man nicht hinsah, und sich schnell wieder aufbaut, wenn man es wieder tat. Später habe ich dann erfahren, dass andere Leute ähnliche Ideen hatten und war davon fasziniert, dass niemand das Gegenteil beweisen konnte.

Auch heute noch, während ich diese Worte tippe, gibt es nichts, das mir garantiert, dass es mehr gibt, als die Dinge, die ich mit meinen fünf Sinnen wahrnehmen kann. Ich war noch nie in Marokko, dennoch vertraue ich darauf das Marokko existiert. Auch habe ich die Erde niemals aus dem All betrachten können, trotzdem glaube ich, dass die Erde rund ist. Ich war auch noch nie in meinem Nachbarhaus, dennoch nehme ich an, dass es ein echtes Haus ist und nicht nur eine Kulisse. Und sie? Obwohl Sie mich nicht sehen können, nehmen Sie an, dass ich da bin - auch wenn ich es nicht wirklich bin.

Zierband

Unsere Sinne können uns also nur ein unvollständiges, bruchstückhaftes Bild unserer Welt vermitteln. Unsere Vorstellungen von der Welt beruhen auf einem Akt des „Glaubens“, der sich auf bloße Fragmente stützt. Dieses Phänomen, das wir das Ganze wahrnehmen obwohl wir nur Teile davon erfahren, nennt sich „Induktion“. Nutzen Sie Ihren Leerraum sinnvoll!

"Induktion",
Teil 4 der Reihe: Grafik Design in der Geschichte

Quellen:

  • Ilias, Homer
  • Philosophie des Abendlandes, Russell
  • Die Geschichte der Kunst, Gombrich
zurück